HRVATSKA KULTURNA ZAJEDNICA

Kroatische Kulturgemeinschaft e.V.



"WEM GEHÖRT DIE ZUKUNFT" 

  "Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt."



im Hotellobby des Hotels Golden Lotus 
Rodergasse 27, 65510 Idstein, 
am Mittwoch, den 24.  September 2014, um 19:00 Uhr


Jaron Lanier (Wem gehört die Zukunft) versus

Google Chef Eric Schmidt (New Digital Age)

 

Anders als Schmidt, der uns die schöne neue Google-Welt der kostenlosen Dienstleistungen in den buntesten Farben anpreist, weist Jaron Lanier auf zwei hässliche Folgen der schönen Informationsökonomie hin:

 

·       Zum Einen: große Teile der Mittelschicht werden verschwinden, da ein großer Teil ihrer Fähigkeiten schon in naher Zukunft digital- d.h. algorythmengesteuert automatisiert werden kann. Selbst Spezialisten wie etwa Herzchirurgen – so Lanier – sollten sich nicht zu sicher sein: Schon bald werden Operationsroboter sehr viel präziser und sicherer ihr Handwerk betreiben.

·          Zum anderen erweist sich die Kostenlosigkeit als Illusion: Wir alle bezahlen mit der Preisgabe unserer Daten. Letztlich sind Dienste wie Google, Facebook und Amazon – so Lanier – gigantische Spionagedienste, die uns unablässig ausforschen und uns zu manipulieren suchen. Wenn wir mit ihnen arbeiten, müssen wir Geschäftsbedingungen unterzeichnen, die uns die gesamte Verantwortung für unser Handeln übertragen und gleichzeitig uns fast alle Rechte nehmen.

Jaron Lanier erhält auf der Frankfurter Buchmesse 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seinem Buch  analysiert er differenzier das auf uns zukommenden „New Digital Age“.

Größtes Problem der schönen neuen digitalen Welt ist aus seiner Sicht aber, dass einige wenige aufgrund ihres Informationsmonopols gigantische Gewinne anhäufen, während die große Mehrheit enteignet wird. Die Mittelschicht droht mittelfristig aufgrund der Digitalisierung fast aller Arbeitsvorgänge zu verschwinden. In Zukunft wird es nur noch hoch bezahlte Top-Jobs für Spezialisten und prekäre Niedriglohnverhältnisse für die „Loser“ geben.

Das Internet, so Lanier, basiert auf den unzähligen Beiträgen, die seine Nutzer, etwa über ihr Suchverhalten, aber auch ihre Mitge-staltung in Form von Beiträgen liefern. Diese Leistungen müssten bezahlt werden.

Ihm schwebt ein System von „Nanozahlungen“ vor, in dem jede Aktivität, die die Qualität des Netzes steigert, über einen Rückkanal belohnt wird. Nicht länger würden die Konzerne unsere Informationen kostenlos abgreifen, sondern müssten dafür bezahlen. Das Internet würde dazu beitragen, das wir alle an seiner Entwicklung verdienen. Das wäre echt kapitalistisch.


Auch wenn dass ein bisschen utopisch klingt, weist es aber in die richtige Richtung. Während unsere überforderten Politiker dieser neuen Machtentfaltung hilflos gegenüberstehen, denkt der gewendete Internet-Guru visionär weiter. Der Einfluss und die Macht wurden  und sind durch den Besitz von Land, Ölquellen, Produktionsmaschinen und Kapital bestimmt. Im digitalen Zeitalter entstehen die neuen Mächtigen.  

Lanier zufolge sind das diejenigen, die über einen  „Sirenenserver“ verfügen. Diese mythologisch ansinnende Beschreibung subsumiert er als eine riesige Rechnerkomplexe, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit die Informationshoheit erringen Und das ist  im Hochfrequenzhandel der Finanzwelt bereits Realität (Hochfrequenz- und Derivatehandel). Die  „Sirenenserver“ sind Plattformen mit scheinbar kostenlosen Dienstleistungen und Service-Angeboten. Dabei gewinnen diese fast unbegrenzt, praktisch ohne Entgelt, mehr oder weniger sensible Daten der Internet-Nutzer und ermitteln mit intelligenten Algorithmen möglichst genaue Informationen über das Verhalten und die Bedürfnisse der Nutzer als Kunden für Angebote jeder Art. Wer den schnellsten Rechner hat, verfügt über einen entscheidenden Informationsvorsprung. Um dieser Enteignung unserer Daten entgegenzuwirken, ist es notwendig, dass wir Bürger erster Klasse bleiben und nicht nur über unsere Daten verfügen, sondern auch für sie angemessen bezahlt werden.
Wir leben auch gemäß Lanier in der Zeit der größten geistigen und technischen Verarmung der westlichen Geschichte. Und wer's nicht glaubt, der möchte sich einmal irgendwo aufs Land oder in Stadtarchive bemühen und nachsehen, welche Handwerksbetriebe, Erwerbszweige und Arbeitsplätze in den letzten 150 Jahren verschwunden sind. Das Internet hat mehr Arbeitsplätze in den letzten beiden Jahrzehnten zerstört als geschaffen.
Da steht Lanier mit seiner Kritik nicht alleine da. "Die Würde und die Freiheit des Menschen beinhalten das Recht, nein sagen zu können. Diese Freiheit hat nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ruht damit auf der zentralen Grundlage unserer Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Einkommen ist ein Bürgerrech."  - sagte Götz W. Werner.[1]

Die Zukunft muss wieder den Menschen und der nicht-virtuellen Realität gehören.

Lanier entwickelt letztlich seine  Idee – bezogen auf das New Digital Age – weiter und gibt wichtige Anstöße für eine „Humanistische Informationsökonomie“, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, also uns alle und insbesondere die Politik. Lanier schlägt  eine Art „sozialer Marktwirtschaft“ vor, die dadurch eingeführt bzw. stabilisiert werden soll, dass Nutzer für ihre Daten - Basisdaten wie zusätzliche, eigene Beiträge oder Verweise - als Basis für das heutige Geschäftsmodell honoriert werden, um mit diesen Mitteln den eigenen Internetkonsum bezahlen zu können.

Mit dem Prinzip „Wachstum durch Information“ hofft Lanier die Gefahr eines Nullsummenspiels oder einer Abwärtsspirale zu vermeiden, in der man sich nur wechselseitig – ohne Wertschöpfung - informiert.

Immerhin wird  ja der Europa-Politiker Martin Schulz die Laudatio bei der Preisverleihung halten.

Durch die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels werden sich jetzt hoffentlich noch mehr Leute mit Laniers Gedanken auseinandersetzen. Das kann der Diskussion über die Möglichkeiten und unserer Gestaltung der digitalen Welt nur gut tun!

 

Ivica Košak

http://de.hkz-wi.de/chronik/interkulturelle-woche.html



[1] Götz W. Werner, Einkommen für alle, Bastei Lübbe, 2008

 



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